KI & Sanierung in der Praxis

Dr. Jonas Steeger

Unternehmenskrisen entstehen selten plötzlich. Wie im Beitrag Krisenstadien und Krisenbewältigung mittels der Restrukturierung beschrieben, sinkt mit jedem Stadium der Handlungsspielraum, während Zeitdruck, Unsicherheit und Komplexität zunehmen. In genau diesem Spannungsfeld gewinnt Künstliche Intelligenz (KI) an Bedeutung.

Künstliche Intelligenz in Unternehmenskrisen

Unternehmenskrisen entstehen selten über Nacht. Sie entwickeln sich schleichend, oft über Jahre hinweg, und durchlaufen dabei typische Stadien. Die klassische Krisenlogik – unter anderem beschrieben im IDW S6 – unterscheidet dabei zwischen Stakeholder-, Strategie-, Produkt- und Absatz-, Erfolgs- sowie Liquiditätskrise bis hin zur Insolvenz.

Diese Stadien verlaufen in der Praxis jedoch selten sauber linear. Sie überlagern sich, verstärken sich gegenseitig und werden häufig erst dann erkannt, wenn der Handlungsspielraum bereits stark eingeschränkt ist. Studien zeigen, dass rund zwei Drittel aller Restrukturierungen erst in fortgeschrittenen Krisenphasen beginnen – zu einem Zeitpunkt, an dem Zeit, Vertrauen und finanzielle Ressourcen bereits knapp sind.

Genau hier setzt der Einsatz Künstlicher Intelligenz an. Denn je früher Krisen erkannt und verstanden werden, desto größer ist das Wirkungspotenzial geeigneter Gegenmaßnahmen.


Krisenstadien verstehen – und gezielt mit KI unterstützen

In frühen Krisenstadien stehen oft nicht Kennzahlen, sondern Menschen im Mittelpunkt. In der Stakeholderkrise blockieren divergierende Interessen klare Entscheidungen: Gesellschafter, Management, Banken oder Arbeitnehmervertretungen verfolgen unterschiedliche Ziele, Kommunikation verhärtet sich, Entscheidungsprozesse verlangsamen sich. KI kann hier helfen, indem sie Kommunikationsmuster analysiert, Konfliktlinien sichtbar macht und eine faktenbasierte Grundlage für Moderation und Entscheidungsfindung schafft.

Mit fortschreitender Krise rückt die strategische Ebene in den Fokus. In der Strategiekrise verliert das Geschäftsmodell an Relevanz, häufig ohne dass dies unmittelbar in der GuV sichtbar wird. KI-gestützte Markt- und Wettbewerbsanalysen ermöglichen es, externe Entwicklungen systematisch auszuwerten, strategische Abweichungen früh zu erkennen und alternative Szenarien zu simulieren – schneller und datenbasierter, als es klassische Analyseansätze erlauben.

Wird die Krise operativ spürbar, etwa durch rückläufige Umsätze oder sinkende Nachfrage, spricht man von einer Produkt- und Absatzkrise. Hier helfen KI-basierte Analysen von Kundenfeedback, Reklamationen oder Marktsignalen, um Ursachen präzise zu identifizieren und Maßnahmen gezielt zu priorisieren. Statt breitflächiger Einschnitte entstehen differenzierte Handlungsoptionen entlang von Produkten, Kunden oder Regionen.

In der Erfolgskrise wird der finanzielle Druck konkret: Negative Ergebnisse belasten das Eigenkapital, der Spielraum für Investitionen schrumpft. KI unterstützt in dieser Phase insbesondere durch automatisierte Kosten- und Ergebnisanalysen sowie durch Prognosen zur Wirkung geplanter Maßnahmen. Sanierungskonzepte lassen sich so schneller entwickeln, vergleichen und belastbar bewerten.

Erreicht das Unternehmen die Liquiditätskrise, wird Zeit zur kritischen Ressource. Zahlungsfähigkeit muss kurzfristig gesichert, Entscheidungen rechtssicher dokumentiert werden. KI-gestützte Liquiditätsprognosen auf Tages- oder Wochenbasis, kombiniert mit Frühwarnsystemen, verschaffen hier wertvolle Zeit – oft den entscheidenden Unterschied zwischen geordneter Restrukturierung und Insolvenz.

Auch im Insolvenzfall kann KI noch unterstützen, etwa durch die automatisierte Aggregation von Verträgen, Vermögenswerten und Forderungen oder durch die Simulation von Fortführungs- und Verwertungsszenarien. Ziel ist nicht mehr Wachstum, sondern Transparenz und Entscheidungsfähigkeit unter maximalen Restriktionen.


Von der Analyse zur Wirkung: Maßnahmen systematisch umsetzen

In der Praxis scheitern Restrukturierungen selten an der Analyse – sondern an der Umsetzung. Maßnahmen werden zu spät identifiziert, unzureichend priorisiert oder unrealistisch geplant. Genau an dieser Schnittstelle entfaltet KI ihren größten operativen Mehrwert.

KI kann große Mengen strukturierter und unstrukturierter Daten analysieren – von Finanzkennzahlen über Prozessdaten bis hin zu Gutachten oder Managementpräsentationen – und daraus systematisch Maßnahmenhypothesen ableiten. Statt isolierter Ideen entstehen nachvollziehbare, datenbasierte Vorschläge.

Diese Maßnahmen lassen sich anschließend qualifizieren: KI unterstützt bei der Einschätzung von Ergebnis- und Liquiditätswirkung, Eintrittswahrscheinlichkeit, Umsetzungsdauer sowie organisatorischen oder rechtlichen Risiken. Priorisierung erfolgt damit nicht mehr nach Bauchgefühl, sondern entlang klarer Wirkung-Risiko-Relationen.

In einem weiteren Schritt hilft KI bei der Planung. Aus Maßnahmen werden automatisch Arbeitspakete, Meilensteine, Abhängigkeiten und Verantwortlichkeiten abgeleitet. Gleichzeitig können verfügbare Kapazitäten berücksichtigt werden, um Überlastungen zu vermeiden – ein kritischer Faktor in Krisensituationen.

Während der Umsetzung schließlich ermöglicht KI eine kontinuierliche Nachsteuerung. Geplante und tatsächliche Wirkungen werden verglichen, Abweichungen früh erkannt und Korrekturmaßnahmen vorgeschlagen. Maßnahmenprogramme werden damit lernend statt statisch.


KI in der Praxis: Bewährte Tools und reale Anwendungsfälle

Der Einsatz von KI im Krisenmanagement ist längst keine Theorie mehr. Verschiedene Softwarelösungen zeigen, wie KI bereits heute operativ genutzt wird – etwa für Cash-Flow-Prognosen, Krisensimulationen oder Reputationsmonitoring. Anwendungen wie Cash Flow Intelligence von JPMorgan, KI-gestützte Trainingsplattformen wie CrisisIQ oder Business-Continuity-Lösungen mit Media-Intelligence-Funktionalität verdeutlichen, dass KI produktiv eingesetzt wird und messbare Effizienzgewinne erzielt.

Auch empirische Studien stützen diese Entwicklung. Aktuelle Forschung zeigt, dass eine unternehmensweite KI-Adoption die Vorhersage finanzieller Krisen signifikant verbessert – insbesondere durch die Kombination interner und externer Daten sowie durch kontinuierlich lernende Modelle. In einem dokumentierten Praxisfall wurde generative KI eingesetzt, um mehrere tausend Projekte in einer Großbank zu analysieren und systemische Ursachen für Budgetüberschreitungen zu identifizieren – eine Analyse, die manuell kaum realisierbar gewesen wäre.


Wissenschaftliche Einordnung und Grenzen

Trotz aller Potenziale gilt: KI ist kein Allheilmittel. Sie bleibt ein Entscheidungs- und Informationssupport-System, das menschliche Verantwortung nicht ersetzt. Regulatorische Anforderungen, mögliche Verzerrungen in Daten, Fragen der Interpretierbarkeit sowie das Vertrauen der Stakeholder sind zentrale Erfolgsfaktoren. Studien – unter anderem von Deloitte – zeigen, dass Governance, Transparenz und eine saubere Integration in Entscheidungsprozesse entscheidend für den nachhaltigen Einsatz von KI sind.


Fazit: Künstliche Intelligenz als Brücke zwischen Krise und Wirkung

Künstliche Intelligenz kann Unternehmenskrisen nicht verhindern. Aber sie kann dazu beitragen, sie früher zu erkennen, besser zu verstehen und wirksamer zu bewältigen. Entlang aller Krisenstadien verbessert KI die Früherkennung, beschleunigt Analysen, quantifiziert Szenarien und unterstützt die konsequente Umsetzung von Maßnahmen.

Der Mehrwert ist dabei nicht nur theoretisch. Reale Tools und empirische Studien belegen messbare Effizienz- und Qualitätssteigerungen im Krisenmanagement.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr, ob KI eingesetzt wird – sondern wie früh, wie integriert und wie konsequent.

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